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Zeit für Utopien

Heute ist internationaler Frauenkampftag.
Heute ist internationaler Frauenkampftag.

Ich sitze gerade an einem Vortrag über Antifeminismus. Über die Manosphere. Über diese seltsame, wütende Parallelwelt aus Podcasts, Foren und Kommentarspalten, in der Frauen zu Feinden erklärt werden und Empathie als Schwäche gilt. Ich lese Studien, höre Interviews, schaue mir Debatten an. Und vieles davon fühlt sich beunruhigend nah an.

Das Thema ist für mich und jede andere Frau nicht nur abstrakt.

Es ist persönlich.

Wir alle kennen die Geschichten. Haben sie selbst erlebt.

Von Freundinnen, die an harmlosen Abenden plötzlich sexualisiert wurden, oder sogar um ihre Sicherheit fürchten mussten.

Von Kolleginnen, deren Kompetenz infrage gestellt wird, bevor sie überhaupt ausgesprochen haben, was sie sagen wollten.

Von Frauen, die lernen müssen, sich in digitalen Räumen mit einer Vorsicht zu bewegen, die ihre Brüder nie lernen mussten.

Während ich all das lese, verliere ich mich fast in dieser Analyse. In der Wut. In der Erschöpfung. In der Sorge darüber, wohin sich unsere Gesellschaft bewegt.

Aber genau dafür gibt es Siren Tales.

Eines unserer Ziele war ja mal, nicht nur über Probleme zu sprechen, sondern positive Utopien zu entwerfen, so schwer das auch manchmal scheint. Geschichten darüber, wie die Welt auch sein könnte. Als Gegenentwurf. Als Orientierung.

Deshalb möchte ich zum heutigen Weltfrauenkampftag eine Frage an euch stellen.

Wie sähe eine feministische Welt aus, eine Welt, die für alle besser ist?


Eine Welt, in der Teilhabe aller selbstverständlich ist.

In der Care-Arbeit nicht unsichtbar im Hintergrund verschwindet, sondern als gemeinschaftliche Aufgabe verstanden wird.

In der Empathie nicht als Schwäche gilt, sondern als wichtiger Aspekt von Intelligenz.

In der Macht nicht bedeutet, andere zu beherrschen, sondern Verantwortung zu übernehmen.

Stellt euch einen Tag in dieser Welt vor.


Vielleicht beginnt er damit, dass niemand sich erklären muss, warum er oder sie erschöpft ist, weil Sorgearbeit längst als gesellschaftliche Infrastruktur organisiert ist – so selbstverständlich wie Straßen oder Stromnetze.

Vielleicht bedeutet Karriere dort nicht, möglichst viel Raum einzunehmen, sondern möglichst viel Raum für andere zu öffnen.

Vielleicht werden politische Entscheidungen nicht danach bewertet, wer sie gewonnen hat, sondern danach, wie viele Menschen danach besser leben können.

Vielleicht wachsen Kinder in einer Umgebung auf, in der sie nicht lernen müssen, ihre Gefühle zu verstecken oder ihre Stärke zu beweisen. Sondern in der sie lernen, einander wahrzunehmen.

Und vielleicht gibt es in dieser Welt weniger Heldengeschichten, dafür mehr Geschichten über Kooperation.

An alle, die diesen Text lesen:

Wie sähe für euch ein Tag in eurer feministischen Welt aus?

Was wäre ein Wunsch, den ihr heute an die Welt habt?


Vielleicht gibt es etwas ganz Konkretes, was ihr der Welt heute gerne mitgeben würdet.


Denn Utopien entstehen selten als fertige Systeme.

Sie beginnen meist als kleine Verschiebung. Als bescheidene Idee.

 

 

Für mich könnte sie so aussehen:

Es ist ein früher Morgen in einer nicht besonders spektakulären Stadt. Menschen gehen zur Arbeit, Kinder zur Schule, jemand gießt Blumen auf einem Balkon.

In der Schule beginnt der Tag nicht mit einem Wettbewerb, sondern mit einem Kreisgespräch. Die Kinder erzählen, was sie beschäftigt. Ein Junge sagt, dass er traurig ist, weil sein Freund gestern geweint hat und er nicht wusste, was er tun soll. Die Lehrerin sagt: Das ist eine gute Frage. Lass uns gemeinsam überlegen.

Im Rathaus sitzt eine Gruppe von Menschen über einem Haushaltsplan. Neben Wirtschaftszahlen liegen dort auch andere Tabellen: Zeit für Pflege, Zeit für Nachbarschaft, Zeit für Gemeinschaft. Eine ältere Frau erklärt, dass eine Stadt auch daran gemessen werden muss, wie gut sie sich um ihre Verletzlichsten kümmert.

In einem Park sitzen zwei Männer auf einer Bank und reden über ihre Kinder. Nicht darüber, wer mehr verdient oder erfolgreicher ist. Sondern darüber, wie schwierig es manchmal ist, geduldig zu bleiben und wie erleichtert sie sind, wenn sie es doch schaffen.

Irgendwo in dieser Stadt geht eine junge Frau abends nach Hause.

Sie denkt nicht darüber nach, ob jemand hinter ihr läuft.Sie denkt darüber nach, welches Buch sie als Nächstes lesen möchte.

Es ist keine perfekte Welt.

Menschen streiten sich noch immer.

Politik ist noch immer kompliziert.

Das Leben bleibt chaotisch.

Aber etwas Grundsätzliches hat sich verändert.

Die Gesellschaft hat beschlossen, dass Fürsorge kein privates Problem ist.

Dass Empathie keine Nebensache ist.

Und dass Gleichwertigkeit keine Forderung mehr ist, sondern eine Selbstverständlichkeit.


Vielleicht ist das eine ferne Utopie.

Aber vielleicht beginnt sie genau hier: mit der Entscheidung, sich eine andere Welt vorzustellen.

Also: Wie sähe eure andere Welt aus?

Heute, am Weltfrauenkampftag, ist vielleicht ein guter Moment, damit anzufangen. 

 

Oder was mich auch sehr freuen würde: Habt ihr interessante Geschichten, Links, Bücher, oder andere Empfehlungen für feministische Utopien?


Hier zwei die ich auf die Schnelle gefunden habe, aber ich bin gespannt auf Eure:

 
 
 

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3 Kommentare


Kathrin Lange
Kathrin Lange
vor 21 Stunden

Sehr schöner Text, der mich zurückwirft auf eine Buch-Idee, die schon länger in meinen Notizbüchern schmort. Vielleicht setze ich mich heute einmal daran. Danke dir für die Inspiration. Als Idee kommt mir beim Lesen noch dieses: Was wäre, wenn wir aus deiner narrativen Zusammenfassung dieser neuen Welt eine Sammlung von Kurzgeschichten machen würden? Wer wäre dabei? Wäre das eine Idee für "Schreiben und atmen"? Nicht direkt feministisch, aber utopisch ist Katja Diehls Buch "Raus aus der Autokratie", das sie mit einer ähnlichen utopischen Szene beginnt wie du: Ein Kind auf dem Weg zur Schule, das keine Angst vor riesigen SUV haben muss und sich darüber wundert, dass diese Dinger in Städten früher den Platz eingenommen haben, auf dem heute fröhlich gespielt wird.

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Susanne Beck
Susanne Beck
vor 18 Stunden
Antwort an

Danke Dir! Wir haben es heute morgen ja schon versucht und ich fand das sehr inspirierend, solche Texte zu schreiben - eine super Idee für den nächsten Freischreibtermin. Das Hineinversetzen in eine Utopie macht mich hoffnungsvoll und melancholisch zugleich...

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Inge Lütt
Inge Lütt
vor 2 Tagen

«Mein» utopischer Tag ...

... tja. Tag. Tagsüber geht es ja, denke ich, und schiebe mental «zumindest», «eigentlich», «doch» nach und mag mich prompt schon nicht entscheiden, welcher Einschränkung ich nun den Vorzug geben wollen würden will. Ich will das schon gar nicht entscheiden, weil «es» ja eben auch tagsüber nicht geht. Nicht wirklich. Ja, sicher (hoho, sie schreibt «sicher» und meint es ganz unironisch, doppelhoho), ich lebe als weiß gelesene Wirtschaftsmigrantin in der Schweiz, in einer unaufgeregten Stadt, in einem Quartier mit entspannter, gemischter Bevölkerung, einem Viertel, das so ländlich geblieben ist, dass noch im Vorfrühling 2026 zufällige Passant*innen einander mit absoluter Selbstverständlichkeit grüßen – und doch ist es bei jeder Begegnung, auch tagsüber, da, dieses klammheimliche Denken, wie…

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