ich hätte drauf bestehen sollen
- Kathrin Lange

- vor 17 Stunden
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Wenn wir ostersonntags am esstisch saßen und es spargel gab weil spargel teuer war und man musste an so hohen feiertagen etwas gutes auf den tisch bringen denn man war ja wieder wer und die gespräche die meine oma führte drehten sich rund und rund um den kilopreis ja der war ganz schön teuer aber wir können es uns ja leisten und es ist nur einmal im Jahr ostern
Wenn ich dann fragen stellte opa, wie war das vor stalingrad oder erinnert ihr euch an die schornsteine von buchenwald dann dröhnte die stille am tisch laut bis oma mit gekünstelt fröhlicher stimme rief es ist doch so schönes wetter jetzt lasst uns nicht vom krieg reden
Wenn ich an anderen nichtösterlichen tagen fragte
wenn es regnete
wenn es schneite
nachdem ich erfahren hatte, dass oma und ihr bruder schon 1932 in die partei eingetreten waren aber lass uns nicht vom Krieg reden das ist zum glück alles vorbei
Ich hätte drauf bestehen sollen antworten zu kriegen ich will das jetzt aber wissen! in das dröhnende Schweigen schreien wenn ich drauf bestanden hätte dass sie den mund aufmachen vielleicht hätte ich dann 1992 als in deutschland wieder wohnheime brannten abends nicht einfach achselzuckend vor dem fernseher gesessen
(Dieser Text wurde inspiriert von Paul Sies’ „Auch in der Nazizeit war Spargelzeit“, den mein Sohn mir neulich morgens noch vor dem ersten Kaffee schickte.)


Sehr spannendes Thema. Ich glaube das wurde in so vielen Familien nicht aufgearbeitet, und dabei hat auch die öffentliche Verarbeitung (bei uns dann in Schulen usw.) nur sehr bedingt geholfen. Was für Gespräche da hätten stattfinden können, ehrlich, schonungslos, verletzlich. Ich habe in meiner Zeit in London mal für eine Masterarbeit einer Soziologin an einer Befragung teilgenommen darüber, was dieses Schweigen gerade mit unserer Enkel:innen-Generation gemacht hat, das wurde sehr emotional und war wirklich sehr aufschlussreich. Vielleicht hätten wir dann auch andere Geschichten für heute.