Die Nachbarin. Der Kollege. Die Passantin.
- Susanne Beck

- 18. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Die Nachbarin
Ich stand im Treppenhaus, weil der Aufzug wieder kaputt war. Es war früher Abend, dieser Moment zwischen Arbeit und Essen, wenn das Leben kurz auf die Pausetaste drückt, bevor es sich langsam in die Küche verlagert. Aus der Wohnung nebenan hörte ich seine Stimme. Nicht laut. Fast sachlich.
Sie antwortete, leise, verhuscht.
Dann reagierte er mit einer Bezeichnung. Kurz. Vollkommen ruhig.
Ich will sie nicht wiederholen, aber jede Frau hat das Wort schon gehört, immer wieder.Später sah ich sie unten an den Briefkästen. Sie lächelte mich an, wie bei jedem Treffen.
Ich sagte nichts.
Der Kollege
Im Meetingraum roch es nach Kaffee und Teppichreiniger. Sie hatte gerade präsentiert, ruhig, präzise, wie immer.
Der Chef lehnte sich zurück, lächelte schief und sagte: „Die Schlussfolgerung ist jetzt aber nicht ganz rational, oder?“
Sein Blick wanderte in Richtung ihres gewölbten Bauchs und dann in die Runde.
Niemand lachte. Niemand widersprach.
Ich machte mir eine Notiz, um beschäftigt zu wirken.
Sie setzte sich hin, kaum merklich mit dem Kopf schüttelnd.
Ich dachte: Das war nicht in Ordnung.
Und beließ es dabei.
Der Mittelbauvertreter
Die Mail meines Doktorvaters kam spät abends. Betreff: „Ihre Stellungnahme zur Abmahnung“.
Ich saß noch im Büro, eigentlich schon zu müde zum Denken.
Er schrieb über sie, nicht an sie. „Nicht belastbar“.
Kein einziges Wort bezog sich auf ihre Thesen, mit denen sie den seinen widersprach.
Ich klickte auf „Weiterleiten“, dann aber nur auf „Entwurf speichern“.
Ab dem nächsten Tag war sie stiller.
Ich schwieg.
Die Journalistin
Es war nach der Pressekonferenz, die Mikrofone waren schon aus.
Die Kamera lief nicht mehr.
Er sagte es zu mir im Vorbeigehen, halb lachend, halb genervt.
Etwas über das Aussehen der Politikerin, über das unbarmherzige Studio-Licht.
Ich wusste: Sie war eine Gefahr für seinen Lieblingskandidaten.
Später schrieb ich über die Inhalte ihrer Aussagen.
Nicht darüber, wie normal solche Bewertungen geworden sind.
Die Passantin
Der Mann brüllte aus dem Auto heraus. „F..tze“ schrie er.
Das Wort traf sie im Rücken, während sie weiterging.
Ich sah, wie sie kurz langsamer wurde, sich fangen musste.
Ich dachte an die vielen Worte, die mich schon langsam werden ließen.
Dann an meinen Termin.
Ich lief schneller.
Der Verkehr floss weiter.
Wir alle
So viele Worte, die wir nicht zum ersten Mal hören.
In dem Tonfall, den wir so gut kennen.
Wir alle tragen Sammlungen mit uns,
aus Büros, Seminarräumen, Talkshows, Küchen.
Wir alle zucken zusammen, wenn wir das „fucking bitch“ von Jonathan Ross hören. Uns erschreckt nicht die Vulgarität. Nicht einmal mehr die Grausamkeit.
Uns erschreckt die Vertrautheit.

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