top of page

...damit die Nacht nicht siegt

Gordafarid, die vorangeht

Ich gehe, denn Gehen ist eine alte Kunst, die man mir nicht nehmen kann. Der Asphalt unter meinen Sohlen ist warm vom Tag. In den Geschichten meiner Kindheit trug ich Rüstung. Heute trage ich gerade keine mehr, nicht einmal die, die der Staat uns vorschreibt. Es ist leichter und schwerer zugleich. Der Wind streicht mir durch die Haare, wie sehr habe ich das vermisst. Die Straße kennt mich. Ich sehe die Augen, die mich bewerten wollen, und die anderen, die mich bitten: Bleib bei uns. Bleib, damit wir uns erinnern, wie man ohne Angst standhält. Ich halte die Zeit an, wie man ein Pferd am Zügel hält, kurz bevor es scheut. Ein Schritt mehr. Noch einer. Jemand flüstert meinen Namen, als wäre er ein Zauberspruch. Ich antworte nicht. Namen sind gefährlich in diesen Zeiten. Als ich die Kreuzung erreiche, höre ich in mir die Stimmen der Alten: Bist du sicher?, fragen sie, gehen aber selbst vor. Ich gehe weiter, damit anderswo jemand nachfolgen kann. Damit die Nacht weiß: Wir sind viele.

Tahmineh, die zuhört

Ich stehe still, die Welt bewegt sich an mir vorbei. In den alten Nächten lauschte ich an Türen und hörte Schicksale atmen. Heute lausche ich auf der Straße. Sie Stimmen sprechen schnell, sie sprechen leise, sie sprechen ohne Worte. Eine Frau reicht mir Wasser, als verrate sie mir ein Geheimnis. Ein Mann senkt den Kopf, als wolle er sich entschuldigen für etwas, das älter ist als er selbst. Ich trage Geschichten unter meinem Mantel, sie sind schwer wie die Steine, die das Leben meiner Gefährtinnen kosteten. Wenn sie fallen, reißen sie Risse in die Straße und färben alles rot. Also halte ich sie fest. Ich sammle Namen, ohne sie auszusprechen. Ich sammle Wege, die offen geblieben sind. Ich sammle den Mut derer, die nicht mehr sind, um ihn weiterzugeben. Manchmal denke ich an die Ferne. An Menschen, die warten, auf Nachricht ihrer Lieben. Ich wünsche ihnen eine Stimme, die leise flüstert: Sie sind noch hier. Ich hoffe, ich kann in Zukunft diese Stimme sein. Jetzt aber habe ich einen anderen Auftrag: Ich flüstere der Nacht ins Ohr, bis sie unruhig wird.

Banu Goshasp, die lacht

Man hat mir beigebracht, dass Lachen gefährlich ist. Also lache ich. Ich bin schneller als die Angst, schneller als die Befehle, schneller als das Zittern in den Händen derer, die mich anhalten wollen und derer, die neben mir laufen. Mein Lachen ist kein Spott. Es ist Erinnerung: an Reiterinnen, an freie Tage, an Frauen, die sich niemals beugen. Ich kenne Abkürzungen. Ich kenne die Hinterhöfe, die Dächer, die Schatten, die Verstecke sein können. Wenn jemand fällt, bin ich da. Wenn jemand rennt, renne ich mit. Wenn jemand stehen bleibt, stelle ich mich davor, breit, schützend. Heute Nacht brauche ich kein Schwert. Ich biete Geschwindigkeit. Und einen Witz, der die Ordnung kurz stolpern lässt. Sie sagen, wir seien Chaos. Ich sage: Wir sind Freiheit.

Schlusswort der Erzählerin

So erzählen wir uns durch die Nacht, damit sie uns nicht verschluckt. Drei Stimmen, unzählige Schicksale, ein Land, das sich weigert, stumm zu sein. Und irgendwo, weit weg, sitzen die Liebsten

im Licht anderer Länder und warten auf Nachricht. Wir gehen, damit dieses Warten nicht sinnlos ist. Wir erzählen, damit die Verbindung bleibt, im Herzen der Menschheit.

Erzählt für alle, die voran gehen. Für alle, die zuhören. Für alle, die lachen. Für alle, die berichten.

 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Die Nachbarin. Der Kollege. Die Passantin.

Die Nachbarin Ich stand im Treppenhaus, weil der Aufzug wieder kaputt war. Es war früher Abend, dieser Moment zwischen Arbeit und Essen, wenn das Leben kurz auf die Pausetaste drückt, bevor es sich la

 
 
 
Offene Augen im Angesicht der Lügen

Die meisten von uns haben inzwischen das Video gesehen. Ein ICE-Agent erschießt eine Frau, und kommentiert das, kalt und ruhig, als hätte er eine leere Dose weggetreten: „fucking bitch“. Das verfolgt

 
 
 
Der Zeitenwanderer

Ich bin spät angekommen, in einer Stadt, die sich in den Regen hüllt. Hannover riecht nach feuchtem Asphalt und matschigen Lindenblättern, und manchmal, wenn nachts eine Straßenbahn vorbeituckert, kli

 
 
 

2 Kommentare


Jo Ann Martin
11. Jan.

Ein wunderbarer Text.

Gefällt mir
Susanne Beck
Susanne Beck
11. Jan.
Antwort an

Danke Dir 🙏

Gefällt mir
bottom of page