Wunsch nach Gemeinschaft
- Susanne Beck

- vor 2 Tagen
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Der Morgen ist klar, der Himmel blau, der Frühling zu trocken. Hannover schläft noch, ich sitze am Schreibtisch, das Handy neben der Kaffeetasse. Lese mich durch Nachrichten, endlosen Schleifen aus Deutung und Gegen-Deutung. Ich glaube zu verstehen: Es geht schneller als gehofft.
Die Tonlage gegenüber Friedrich Merz verändert sich, als würde man Optionen durchspielen. Sogar in der Springer-Presse. Um Jens Spahn herum entstehen Erzählungen, die nach Übergang klingen, Zwischenlösungen, Minderheitsregierung. Ein Möglichkeitsraum.
Dann das Gespräch von Ben Ungeskriptet mit Björn Höcke. Zwei Millionen Klicks. Ich scrolle durch die Kommentare und sehe, wie sich Wahrnehmung verschiebt. Menschen schreiben, sie hätten den von den Medien zum Teufel stilisierten Politiker noch nie so menschlich gesehen. Sie sprechen von seiner Eignung für Ämter. Es schüttelt mich.
Doch ist das eigentlich keine Überraschung. Nähe zu einem Menschen verändert die Bewertung, unabhängig von den Ansichten, unabhängig von den Handlungen. Ein Gespräch ohne Konflikt erzeugt Vertrautheit. Vertrautheit senkt Widerstand. Es ist ein Mechanismus, der zuverlässig funktioniert, weil er an etwas Grundsätzliches rührt: Menschen wollen verstehen. Und wer verstanden wird, gewinnt Raum.
Dazu kommt: die Menschen in Deutschland haben die Hoffnung verloren in die bestehenden Strukturen, sie wünschen sich etwas Neues, einen Aufbruch. Das kann ich sogar verstehen, nur die schnelle Lösung, die an Hass und Gegeneinander anknüpft, die wird uns allen schaden. Vor allem den Schwächsten.
Ich sehe zu, wie sich diese Logik entfaltet. Sichtbarkeit, Wiederholung, Menschlichkeit. Daraus entsteht Normalität. Und Normalität ist politisch wirksam.
Das Grundgesetz setzt noch Grenzen, Gerichte überprüfen noch, föderale Strukturen verlangsamen. Eine Regierung mit Beteiligung der AfD wird auf Widerstände stoßen, auf rechtsstaatliche Verfahren, wird beobachtet werden, wird nicht sofort alles zerstören können.
Doch die Fragen werden sein: Was verschiebt sich dadurch in unserer Gesellschaft? Welche Themen werden gesetzt, welche Begriffe werden selbstverständlich, welche weiteren Positionen wandern aus dem Rand in die Mitte? Denn das, was Höcke gesagt hat, ist eindeutig. Multi-Kulti „rückabwickeln“. Das sagt er in diesem Gespräch, ohne Angst vor Konsequenzen, denn die gibt es für dergleichen schon lange nicht mehr. Und auch alles andere, was im Moment der AfD-Beteiligung real werden wird, kann ich erahnen.
Ich denke an meine Arbeit. An meine Vorlesungen, an meine Texte, an öffentliche und private Gespräche. Was wird möglich bleiben?
Ich prüfe meine Optionen. Gehen ist für mich eine, auch wenn sie mein Leben erschweren wird, werde ich es wahrscheinlich noch gut haben in einem anderen Land. Ich weiß auch schon, welches das wäre. Viele Menschen haben diese Wahl nicht. Die finanzielle Ungleichheit, die sich derzeit immer mehr zuspitzt, wirkt auch hier. Ich habe Glück.
Gegenbewegungen gibt es allerdings auch noch. Kunst, die stört. Die neue, wunderbare Arbeit von Banksy steht mitten im öffentlichen Raum, eine Statue eines Mannes, der blind aufgrund der Fahne, die ihm das Gesicht verdeckt, in den Abgrund tritt. Und es gibt die Stimmen, die weitermachen. Podcasterinnen und Podcaster, hier und in den USA, die Gespräche führen, die nicht auf Wohlgefühl zielen, sondern unbequem sind. Die nachfragen, nachsetzen, widersprechen. Die Öffentlichkeit verstehen als Raum, der immer noch, im Angesicht des Faschismus, gestaltet werden kann.
Beides ist Teil derselben Gegenwart. Zwei Bewegungen laufen parallel: Vereinfachung und Verdichtung auf der einen Seite, Differenzierung und Widerstand auf der anderen.
In meinem eigenen Leben ist es immer wieder nicht so einfach, mir den Raum für den Widerstand zu nehmen, die Zeit für die Vernetzung, die Kraft für das Hinschauen. Es besteht ein Gefüge aus Möglichkeiten, die sicher – oder hoffentlich – noch nicht ausgeschöpft sind. Begegnungen, die stattfinden könnten. Netzwerke, die sich bilden lassen. Gemeinschaft entsteht aber nun mal nicht von selbst, sie wird hergestellt, durch Zeit, durch Aufmerksamkeit, durch Entscheidung. Und das fällt mir nicht leicht, ich arbeite zu viel und ich bin zu gern in unserem kleinen Leben hier Zuhause, und oft zu erschöpft für den Schritt nach draußen. Das ist für die kommenden Zeiten ziemlich sicher ein Fehler.
Wenn Nähe politisch wirkt, dann gilt das in beide Richtungen. Echte Nähe kann tragen. Gespräche, die auf Verständigung ausgerichtet sind, erzeugen Stabilität. Schreiben, sprechen, vernetzen, das ist das, was wir in der Zukunft brauchen werden. Sie verändern nichts sofort, aber sie schaffen Voraussetzungen dafür, dass Veränderung möglich bleibt.
Die Zukunft ist da, sie zeigt sich in Clicks, in neuen Tönen, in alten Vorstellungen. Ich nehme sie wahr, traurig und müde, und ich entscheide mich trotzdem, handlungsfähig zu bleiben. Nicht aufzugeben.
Und hoffe einmal mehr, hier bei Siren Tales eine kleine Gemeinschaft zu haben, die auch diese Zeiten übersteht, auch wenn ich zu wenig investiere. Das ist doch so, oder?


Das Schlimme ist vor allem die Unfähigkeit von Merz und Co. Sie verbreitet Hoffnungslosigkeit und "Schlimmer kann es nicht mehr werden". Und da kommt das Kreuz auf dem Wahlzettel schnell bei der AFD. Was sich auch in den letzten Wahlen gezeigt hat. Die meisten Politiker stecken in Ihrer Blase fest. Da habe ich allerdings Hoffnung, denn zunehmend gewinnen nicht parteigebundene Politiker. Hier in Potsdam eine Bürgermeisterin, in Frankfurt /Oder auch, In BadenWürttenberg ein Grüner, von dem man hofft, dass er sich nicht von der grünen Basis die Politik vorschreiben lässt. In Tübingen Palmer, der auch die Fesseln der Partei abgeworfen hat. Allen diesen Unabhängigen ist gemeinsam: Etwas Populismus, etwas Mut, Neues zu beginnen. Und keine Scheuklappen der Parteibasis.
Das gibt mir…