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The RAGE Academy

Als ich den Bericht von CNN über die sogenannte „Rape Academy“ (620 Millionen Zugriffe allein im Februar 2026) gelesen hatte, wusste ich mir zunächst nicht anders zu helfen als zu verdrängen. Für eine Weile mied ich soziale Medien oder verlor mich in niedlichen Tier-Reels. In mir hatte sich etwas verschoben, das ich nicht greifen konnte. Ich spürte ein Ausmaß an Wut, mit dem ich nicht umgehen konnte. Aber es hilft nichts: Wir müssen verstehen, in welcher Welt wir leben. Wir müssen diese Wut verstehen, wir müssen entscheiden, wie wir damit leben wollen, was sie erfordert, wie wir uns unterstützen und etwas ändern. Wir brauchen eine kollektive Rage Academy, für uns Frauen und für die Männer, die unsere Wut nachvollziehen können.


In den Tagen danach tauchten in meinen Feeds Männernamen auf. Zunächst vereinzelt, dann häufiger. Frauen schrieben sie auf, oft ohne viele Worte. Manchmal begleitet von wenigen Sätzen, manchmal nur von Andeutungen, die trotzdem ausreichten, um die Geschichte zu begreifen. Ein langsames Sichtbarwerden, das lange überfällig war. Das verunsichert mich, da es eines meiner tiefsitzenden Dilemmata aufdeckt. Als Juristin denke ich in Verfahren, in Fragen der Zurechnung, der Fairness gegenüber allen Beteiligten. Gleichzeitig merke ich beim Lesen dieser Beiträge, wie wenig diese Kategorien tragen, wenn man sie an das anlegt, was Frauen hier teilen.


Die Wut, die in diesen Beiträgen spürbar ist, hat eine Geschichte. Sie hat mit Erfahrungen zu tun, die oft nicht in Verfahren münden, mit Anzeigen, die folgenlos bleiben, mit Gesprächen, in denen Zweifel schneller formuliert werden als Unterstützung. Sie stammt auch aus vielen kleinen Verschiebungen im Alltag, dem permanenten Abwägen, ob etwas „schlimm genug“ ist, um es anzusprechen, und der Erfahrung, dass nie vollständige Sicherheit besteht.


In diesem Kontext erscheint das öffentliche Benennen von Tätern konsequent. Eine Form der Selbstermächtigung, die sich aus dem Gefühl speist, dass andere Wege versperrt oder unzureichend sind. Sichtbarkeit wird zu einer eigenen Kategorie von Gerechtigkeit. Sie ersetzt kein Verfahren, aber sie erfüllt eine Funktion, die das Verfahren für viele nicht erfüllt hat.


Rechtsstaatlichkeit, Unschuldsvermutung, Verfahrensgarantien. Diese Begriffe sind wichtig. Sie schützen vor Willkür. Sie sind Ergebnis historischer Erfahrungen, die nicht leichtfertig zur Seite gelegt werden sollten. Gleichzeitig wird deutlich, dass sie allein nicht ausreichen, um die Realität vieler Betroffener abzubilden. Sie setzen an einem Punkt an, an dem bereits das Vertrauen in die Gesellschaft verloren gegangen ist. Es ist eine Lücke entstanden, und diese Lücke füllt sich jetzt mit anderen Formen der Artikulation, die weniger kontrolliert sind, weniger kontrollierbar.


Was bedeutet das für die Institutionen, denen ich selbst angehöre bzw. für die ich ausbilde? Es braucht jedenfalls eine Auseinandersetzung damit, warum sie für viele nicht funktionieren. Dazu gehören die Fragen, wer Aussagen mit welcher Einstellung aufnimmt, wie Glaubwürdigkeit vor Gericht bewertet wird, wie die Opfer institutionell unterstützt werden, welche Rolle soziale Faktoren spielen und wie stark sekundäre Belastungen im Verfahren wirken. Die feministische Rechtstheorie tut das schon lange, doch hat sie - nicht überraschend - kaum Bedeutung in der rechtswissenschaftlichen Diskussion. Als ich mich zu Beginn meiner Karriere damit befassen wollte, wurde mir sehr deutlich gesagt, dass ich dann keine Chance hätte an deutschen Universitäten. Das muss sich ändern und ich hoffe, dass ich dazu ab jetzt etwas beitragen kann. Wir müssen unser Recht neu denken.


Die sozialen Netzwerke werden gerade zu einem Raum, in dem diese Aushandlungen sichtbar werden, oft in Zuspitzung. Sie bieten Möglichkeiten der Vernetzung und der Unterstützung, gleichzeitig verstärken sie Dynamiken, die sich schnell verselbstständigen können. Auch hier stellt sich die Frage nach Verantwortung, nach Gestaltung, nach Grenzen. Nach einer Form für die berechtigte Wut.


Ich habe keine Antwort. Sondern erst einmal nur die Wahrnehmung, dass sich etwas verändert. Dass Erfahrungen ausgesprochen werden, die lange keinen Ort hatten. Dass diese Äußerungen Folgen haben, die wir noch nicht vollständig überblicken. Und vielleicht ist es im Moment zunächst einmal wichtig, diese Veränderung ernst zu nehmen, als sie vorschnell einzuordnen. Sie verlangt nach Aufmerksamkeit, nach Selbstkritik, nach der Bereitschaft, auch die eigenen Gewissheiten zu überprüfen.


Sehr beschäftigt hat mich dieser Podcast mit Manon Garcia zu diesem Thema. Vielleicht mögt ihr ihn euch anhören, vielleicht mögt ihr eure Gedanken hier teilen.



 
 
 
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