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Schlachtfeld statt Spielfeld?

Vor kurzem stand ich – nach langem Überlegen und durchaus mit Bauchschmerzen – auf dem Spielfeld bei 13 Fragen, diesem Format von ZDF, das mit dem Versprechen antritt, Streit sichtbar zu machen und dennoch respektvoll zu bleiben.



Ich war dort trotz Skepsis hingegangen, mit der Idee, dass man einander doch zuhören müsse. Dass Argumente etwas ausrichten könnten. Dass Differenz nicht zwangsläufig Verachtung bedeuten muss. Dass wir mit unserem Gespräch vielleicht Menschen erreichen und zum Nachdenken bringen könnten, die jedenfalls ich sonst niemals erreiche.


Mir war bewusst, dass digitale Öffentlichkeiten eigene Dynamiken entfalten. Ich hatte die Kommentare unter ein paar älteren Sendungen durchgelesen und die erschienen mir, für das Internet, relativ gemäßigt. Doch ich war gewappnet.


Trotzdem habe ich die Reaktionen unterschätzt, und das, was sie bei mir auslösten.

Ein Gegenüber, der offensichtlich weithin bekannte und gefeierte Podcaster Ben, setzte auf Gleichwertigkeit aller Meinungen, umfassender Skepsis gegenüber der Wissenschaft (wenn man genau hinhört, wird die Wissenschaft aber durchaus zitiert, wenn sie seine Meinung stützt) und darauf, mit allen zu sprechen, weitestgehend ohne ihre Argumente zu korrigieren oder einzuordnen. Er ist bekannt als „die Schweiz der Podcasts“ und möchte, so seine Aussage, aus jedem Gespräch klüger herausgehen, und immer wissen warum, auch bei Straftätern oder Extremisten. Diese aus seiner Sicht "egoistischen" Gespräche lädt er ins Netz, damit sie hunderttausende sehen können. Unter anderem habe ich versucht zu erklären, dass das zwei unterschiedliche Gespräche sind: Das eine dreht sich um die extremistische Haltung, lässt das Gegenüber diese ausführen und begründen, lässt sie unkorrigiert stehen. Das andere Gespräch würde die Haltung als extremistisch markieren, und dann nach dem „Warum“ fragen. Aber mit Extremismus tat er sich ohnehin schwer, denn wer wisse denn, was hier richtig sei. Als wir darauf hinwiesen, dass das für rassistische Äußerungen doch recht klar sei, kam auch hier eine Relativierung und dann wieder der Hinweis, man müsse doch nach dem „Warum“ fragen.


Ben, der übrigens durchaus freundlich und sympathisch ist, mit allen im Raum Selfies machte und uns im Anschluss die Fotos schickte, redet in seinem Podcast jedenfalls öfter mit rechts ausgerichteten Menschen als mit Linken, er sagt dazu, dass er alle einlade, die Linken aber halt nicht kämen. Liest man die Kommentare, wenn doch mal jemand (z.B. Peter Fox) kommt, versteht man durchaus, warum. Aber da wird dann typischerweise argumentiert, man solle sich halt ein dickeres Fell zulegen, wenn man im Internet unterwegs ist. Zu diesem Fell komme ich noch.


Auch andere seiner Punkte waren mir vertraut. Argumentationsmuster, die man in Varianten immer wieder liest: Der Vorwurf einer „Entmündigung“, wenn man auf Normalisierung rechtsextremer Ansichten verweist. Die Menschen seien doch klüger und würden sich selbst eine Meinung bilden können. Betroffene zählen nicht, weil sich ja jeder wegen sonstwas verletzt fühlen könne, und man darauf doch nicht immer Rücksicht nehmen könne.


Dass Normalisierung extremer Ansichten nicht bedeutet, dass die Menschen nicht nachdenken könnten und entmündigt werden müssten, sondern nur dass sich in der Wahrnehmung etwas verschiebt, dass (manchmal eben auch gefährliche) Fake News etwas anderes sind als die Darstellung verschiedener Lebenswege, dass Betroffene grundsätzlich durchaus wissen, welche Äußerung abwertend ist und das als jemand aus einer privilegierten Gruppe vielleicht schwer nachzuvollziehen sein kann, all das zählte nicht. Das ist nicht unbekannt, sollte einen nicht mehr besonders schockieren. Es aus dem Mund von jemandem zu hören, der so erfolgreich ist und so sympathisch wirkt und all diese Aussagen mit angenehmer Radio-Stimme darlegt, irritiert mich dennoch. Vor allem irritiert mich die umfassende Skepsis gegenüber Expertise, Fakten, Wissen. Die Relativierung der extrem negativ wahrgenommenen „Wissenschaft“. Auch das ist mir nicht mehr neu, es macht mir doch zu schaffen, sicher auch weil es mein Beruf ist, aber auch weil ich die umfassende Relativierung jeglicher Gewissheiten für problematisch halte.


Was mich jedoch noch mehr beschäftigt als die Thesen selbst, ist die Reaktion danach. Seit Tagen sammeln sich unter den Beiträgen Kommentare. Einige sind sachlich. Viele sind es nicht. Einige sind beleidigend, und zwar pauschal gegen die „Linken“ oder auch persönlich. Noch schlimmer ist es unter einem Reaction-Video von einem AfD-nahen YouTuber und auf X, ebenfalls zu erwarten, trotzdem schwer zu ertragen. Ich versuche, das alles zu ignorieren, aber sind wir doch mal ehrlich: Wer kann das, das erste Mal, wenn man so in der Öffentlichkeit steht? Würden andere das wirklich schaffen?


Es wird wenig über Argumente gesprochen. Stattdessen passiert vor allem genau das, was wir in unserem Gespräch eigentlich problematisiert haben: Persönliche Beleidigungen, Lager-Denken, Aggressivität, Personenkult (Viele „Fans“ von Ben, die gar nicht hinterfragen, sondern einfach ihn als Person so großartig finden, dass er gar nichts falsches sagen kann…). Es ist diese Verschiebung von der Sachebene zur Person, die mich erschöpft.


Ich versuche, das nicht als individuelles Problem zu begreifen, sondern als Symptom einer größeren Verschiebung öffentlicher Räume, genau das, was wir besprochen haben, was viele der Kommentierenden aber scheinbar nicht gehört haben oder nicht hören wollten. Wer laut ist, wird sichtbarer. Wer komplex argumentiert, verliert.


In vielen Kommentaren wiederholen sich bekannte Talking Points: das Narrativ vom „gesunden Menschenverstand“ gegen „akademische Ideologie“, die Behauptung, man verliere seinen Job, wenn man alles sagen würde was man denkt (das würde ich im Übrigen auch, deshalb sage ich nicht alles, was ich denke). Wissenschaft gebe es ebenso wenig wie eine Verfassung. Und die Verfassung wirke nur als Verteidigung gegen den Staat, deshalb können Bürger gar nichts Verfassungsfeindliches sagen oder etwas, das gegen die Menschenwürde verstoße. Wissenschaft sei politisch infiltriert . Wie soll man gegen Ideologie argumentieren? Mir fehlen bei dergleichen oft die Worte, nicht weil ich nichts dagegen zu sagen wüsste, sondern weil ich schon ahne, dass ich gar nicht gehört werde.


Das sind auch keine neuen Argumente. Sie speisen sich aus einem tiefen Misstrauen gegenüber Institutionen, Medien, Universitäten. Dieses Misstrauen ist nicht aus dem Nichts entstanden, das verstehe ich durchaus. Es hat biografische, soziale, ökonomische Wurzeln. Wer sich nicht gesehen fühlt, sucht Erklärungen. Und einfache Erklärungen sind verführerisch. Ich verstehe das, und verurteile nicht.


Trotzdem macht es mich traurig, erschöpft es mich: das Nicht-Zuhören. Ich habe nicht erwartet, dass mir alle zustimmen. Aber ich hatte gehofft, dass zumindest die Bereitschaft besteht, Argumente als Argumente zu behandeln. Stattdessen werden Positionen verkürzt, zugespitzt oder in ein fertiges Feindbild eingefügt. Eben doch kein „miteinander sprechen“. Ich bin mehrfach auf Ben zugegangen, habe meine Sätze begonnen mit dem, was ich positiv finde, habe versucht zu erklären, und bin dennoch einfach nur das leichte Feindbild.


Was das langfristig wohl mit uns macht? Wenn öffentliche Debatte sogar in so einem Format nur als Kampf inszeniert wird, wenn die eigene Anhängerschaft wichtiger wird als das gemeinsame Verstehen, dann schrumpft der Raum für Zwischentöne. Die im Übrigen gerade Ben betont hat im Gespräch, seine Anhänger aber keineswegs suchen. Nicht unter dem Video, nicht in dem Kommentaren unter seinen Videos.


Ich merke an mir selbst, wie gefährlich das ist: Die Versuchung, sich zurückzuziehen. Nicht mehr zu reagieren. Sich in geschützte Räume zu begeben, in denen man verstanden wird.


Das will ich nicht. Ich möchte auch nicht in eine Haltung der moralischen Überlegenheit kippen. Ich möchte nicht über „Fanboys“ oder „Rechte“ sprechen, als wären das homogene Gruppen ohne Biografien, ohne Verletzungen, ohne rationale Motive. Viele derjenigen, die kommentieren, erleben vermutlich selbst Unsicherheit, Kontrollverlust, Kränkung durch die Eliten. In Zeiten sozialer Beschleunigung und ökonomischer Umbrüche wird Identität brüchig. Manche reagieren darauf mit Abwehr, manche mit Trotz, manche mit Aggression.


Und dennoch wird daraus ein Problem: Wenn persönliche Angriffe, Unterstellungen und Entwertung zur Normalform werden, verändert das die Kosten der Beteiligung. Teilhabe ist nicht nur eine rechtliche Frage, sondern eine psychologische. Wer permanent mit Feindseligkeit rechnen muss, überlegt sich zweimal, ob er oder sie erneut öffentlich spricht. Und nein, nur weil man öffentlich auftritt, muss man nicht alles aushalten können. Es kann nicht sein, dass der Raum nur noch für die offen ist, die alle Beleidigungen wegstecken können, die unsensibel sind oder zurückschlagen.


Meine Verzweiflung rührt nicht daher, dass Menschen mir widersprechen. Sie rührt daher, dass die Form des Widerspruchs immer häufiger auf Abwertung beruht. Es ist ein Unterschied, ob jemand sagt: „Ich halte Ihre Argumentation für falsch, weil …“ oder ob jemand schreibt: „Die ist halt linksversifft, sieht man ihr doch an.“ Über mein Aussehen spricht. Mich abwertet. Und aber selbst sagt, wir wären es, die abwerten oder die Meinungsfreiheit beschneiden.


Ich schreibe diesen Text auch, um mir selbst Mut zu machen. Öffentliche Debatte ist anstrengend. Sie macht verletzlich. Aber sie ist notwendig. Wenn diejenigen, die um Differenzierung ringen, sich zurückziehen, wird der Raum nicht leer bleiben. Er wird gefüllt – mit Lautstärke und Abwertung.


Mal wieder besteht die eigentliche Herausforderung wohl darin, standzuhalten, ohne zu verhärten. Nicht zynisch zu werden. Nicht selbst abzuwerten. Und gleichzeitig klar zu bleiben in der Sache. Demokratie ist kein Wohlfühlraum. Aber sie darf auch kein Schlachtfeld werden. Sie ist ein Ort, an dem wir uns zumuten müssen, in unserer Unterschiedlichkeit, mit unserer Unvollkommenheit, mit unseren blinden Flecken.

Ich hoffe, dass wir diesen Ort nicht aufgeben. Auch dann nicht, wenn es mühsam ist.

Gerade dann nicht.


Deshalb schreibe ich an meine kleine Community hier, die mich vielleicht versteht und stärkt, die ähnliche Erfahrungen hat, und vielleicht auch von meiner Erfahrung, meinen Gedanken, meinen Zweifeln profitiert. Lasst uns nicht aufgeben, nicht zynisch werden, nicht leise werden. Lasst uns weiter menschlich und respektvoll sprechen, Grenzen setzen, die Hoffnung nciht verlieren. Seid ihr dabei?


(Und falls ihr den ein oder anderen sachlichen Kommentar unter dem Originalvideo hinterlassen mögt, würde ich mich freuen 😉 )

 
 
 

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8 Kommentare


Gast
vor 5 Tagen

Hallo Frau Beck,

sehr spannend und das hat mich nun sehr neugierig gemacht, den Beitrag anzusehen.

Generell sind mir Menschen, die kein dickes Fell haben, aber trotzdem mutig und sachkundig ihren Punkt machen, so wie Sie, sehr sympathisch!

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Susanne Beck
Susanne Beck
vor 5 Tagen
Antwort an

Hallo, danke für den Kommentar! Trotzdem wäre ich glaube ich ganz dankbar, wenn mir jemand verrät, wie man ein dickeres Fell bekommt ;)

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carlo.feber
vor 5 Tagen

Liebe Susanne,

eben habe ich mir die Sendung noch mal angeschaut. Ich finde, du hast dich gut geschlagen. Und eigentlich - wenn man genauer zuhört - den Ben doch schön vorgeführt. Der im weichen Ton eine nach der anderen der Relativierungsphrasen serviert, mit denen bestimmte Dinge "sagbar" gemacht, im allgemeinen Diskurs als "gleichwertig" eingeschleust werden sollen. Ich persönlich glaube dem Mann keine Sekunde, dass er nicht ganz genau weiß, welchen Thesen er mit seiner Reichweite Raum gibt. Und diese Diskursverschiebungen billigt. Genauso wenig glaube ich eine Sekunde, dass da nicht jemand auf diese Reizeffekte zur Multiplikation der eigenen Reichweite schielt - ganz in der Logik der Aufmerksamkeitsökonomie. "Klüger werden", welch hehres Ziel, aber dafür am Ende von den Extremen (d.…


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Susanne Beck
Susanne Beck
vor 5 Tagen
Antwort an

Vielen Dank, Carlo! Ich weiß gar nicht, ob "belasten" das richtige Wort ist. Ich stehe zu allem was ich gesagt habe, daher ist das an sich ni ht schlimm, wenn mich jemand bewusst falsch verstehen möchte. Mir macht es an sich Sorgen. Aber Du hast ja das Wichtigste gesagt: Bleiben wir dran! Das machen wir!

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Inge Lütt
Inge Lütt
vor 6 Tagen

Podcasts? Interessieren mich nicht. Ich höre mir ja nicht einmal die "Große Töchter"-Reihe von Beatrice Frasl regelmäßig an (siehe unten). Diskussionen mit YouTube-Star(s)? Ach was. Ich bin da also wohl nicht die Richtige, um die Situation mitzudenken. Zugegeben, mein im 20. Jahrhundert noch ordentlich aktives argumentatives Reden mit Andersdenkenden fermentiert mittlerweile durchaus sparsam, um es vorsichtig auszudrücken. Vielleicht bin ich der Welt, der aktuellen zumindest, oder der politisch-diskursiven, tatsächlich ein bisschen abhanden gekommen. Vielleicht habe ich auch einfach die Nase voll von der Idee, ich könnte durch das darüber Reden Menschen von irgendetwas überzeugen, was ich gefühlt durch mein eigenes Leben doch bereits hinreichend belege. Klar, finde ich es toll, wenn Menschen, deren Beruf ihnen zusätzliche Autorität zu ihrer eh…


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Susanne Beck
Susanne Beck
vor 6 Tagen
Antwort an

Da muss wahrscheinlich jede von uns selbst sehen, was passt und was wir uns antun wollen und was wir aushalten. Ich kämpfe ja auch mit mir. Aber ich denke um die Jüngeren zu erreichen, sind die klassischen Medien wohl nicht mehr ausreichend - ob ich da wirklich irgendjemanden "erreicht" habe, das weiß ich natürlich auch nicht!

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Jo Ann Martin
vor 6 Tagen

Einmal mehr ein unglaublich guter Text, Susanne, in dem du in Worte fasst, was so viele von uns spüren. Der Versuchung sich in geschützte Räume zurückzuziehen ist groß und ich erfahre das von vielen. Aber dann überlassen wir ihnen das Feld.

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Susanne Beck
Susanne Beck
vor 6 Tagen
Antwort an

Danke Dir. Es ist echt schwer. Ich habe kein besonders dickes Fell, tatsächlich gerade im Moment besonders nicht. Und gerade dann treffen die Angriffe, persönlich, aber auch weil ich überlege, wo das alles hinführen soll. Umso wichtiger solche stärkenden Communities wie hier!!

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