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Offene Augen im Angesicht der Lügen

Die meisten von uns haben inzwischen das Video gesehen.

Ein ICE-Agent erschießt eine Frau, und kommentiert das, kalt und ruhig, als hätte er eine leere Dose weggetreten: „fucking bitch“. Das verfolgt mich. Nicht, weil ich noch überrascht wäre von der unbegreiflichen Gewalt. Sondern weil darin eine seelenlose Selbstverständlichkeit liegt, eine Zufriedenheit mit dem Auslöschen eines Menschenlebens, die nicht einmal mehr versucht, sich zu tarnen. Er hat ins Seitenfenster geschossen, als die Frau vorbeigefahren ist. Die anderen Agenten hielten einen Arzt davon ab, zu ihr zu gehen („I am a physician“ – „I don’t care“), der Krankenwagen wurde blockiert und sie musste ohne Trage dorthin gebracht werden. Es gibt ein Video, auf dem man ihre Frau sieht, neben dem gemeinsamen Hund, so unendlich allein. Ihren Schmerzenslaut werde ich nie vergessen. Und dieser Mann behauptet, er habe sich verteidigt. Dabei ging es nur um eines: Sie sollte sterben, weil sie ihn nicht ernst genommen hat, nicht genügend respektiert hat, keine Angst vor ihm hatte. Er musste sie nicht töten, er WOLLTE sie töten.

Und dann die zweite Gewalt: die Lüge danach, die unmittelbare, routinierte, öffentliche Umdeutung. Die Tote wird zur „Terroristin“ erklärt, zur Bedrohung, zur Schuldigen – es ist diese alte Bewegung, dieses aggressive Umkippen von Opfer in vermeintliche Täterin, das einem die Luft nimmt. Und nach einigen Tagen wird im Netz nicht mal mehr verhehlt: Es geht nicht um Selbstverteidigung. Sie hat einen Mann lächerlich gemacht, sie war lesbisch, sie hat standgehalten, sie hat nicht jeden Befehl befolgt, sie war eine Demokratin. Also verdiente sie den Tod. Der Agent und viele anderen Agenten werden gefeiert im Netz für ihre Männlichkeit.

Das erinnert an etwas, das wir alle kennen.

Die Diktatoren müssen das Entsetzen einfangen, damit es ihre Ordnung nicht stört.

In mir regt sich die Frage, die sich anfühlt wie ein Knoten im Magen: Könnte das unsere Zukunft sein? Wenn eine Partei an Einfluss gewinnt, die Entmenschlichung als Werkzeug nutzt; wenn Sprache sich immer weiter verhärtet; wenn „Sicherheit“ zur Ausrede wird, um Grundrechte zu verschieben; wenn Männer sich gegenseitig in eine Pose hineinsteigern, die sie für Stärke halten und die in Wahrheit nur Verachtung ist.

Ich schreibe „Männer“ und zögere, weil ich selbst das Wort nicht als Pauschale benutzen will. Natürlich gibt es unzählige, die anders sind, und ich will nicht die Logik übernehmen, gegen die ich anschreibe: Menschen nur noch als Teil einer Gruppe wahrzunehmen.

Und doch: Es gibt eine Form von Politik, die sich sehr stark nach einer bestimmten Männlichkeitsbild ausrichtet. Basierend auf Kränkung, Statusangst, auf dem Wunsch, endlich wieder oben zu sein, endlich wieder „Ordnung“ herstellen zu dürfen, endlich wieder ohne Scham brutal zu sein. Der Kommentar „fucking bitch“ nach dem Töten einer Frau ist kein persönlicher Ausrutscher. Er klingt wie eine Parole der „Manosphere“.

Wer sind sie, diese (nur diese!) Männer? Sie sind Leute, die man im Baumarkt trifft, Leute, die irgendwo neben einem stehen und warten, Leute, die abends irgendwo sitzen und sich gegenseitig bestätigen. Und auf manche von ihnen warten Frau und Kinder zuhause. Das macht es unerträglich: dass diese grenzenlose Grausamkeit nicht besonders ist, sondern mitten unter uns lebt. Und dass andere Männer es feiern, wenn eine Frau getötet wird, nicht aus Angst um das Leben des Schützen, sondern weil er sich entmännlicht fühlte, weil er sich als etwas Besseres ansah und sie ihn verhöhnte. Aus Wut, aus Hass.

Renee Nicole Good wurde nicht getötet, weil der Mann sich selbst und seine Kameraden vor ihr schützen wollte. Sie wurde getötet, weil er denkt (und viele andere auf der rechtsextremen Seite), dass solche Frauen, die vor Männern wie ihm nicht kuschen, sterben sollen.

In Deutschland erleben wir ähnliches. Es gibt keine Hemmung mehr, über das „Stadtbild“ zu sprechen, als wäre das Zusammenleben eine Frage von Ästhetik, als könnte man Menschen nach ihrem störenden Anblick sortieren. Diese Rede vom „Stadtbild“ wurde von Expert*innen als dog-whistle eingeordnet, als Code, der Abwertung transportiert, ohne sie auszusprechen. Und man merkt, wie schnell solche Wörter in Alltagsgespräche sickern: in Familien, in Kollegien, in Chatgruppen, in den Tonfall, der dann am Ende so klingt, als sei Verachtung einfach Realität, als gäbe es unter Menschen eben wertvollere und weniger wertvolle.

Es ist diesen Menschen egal, ob sie mehr Lohn erhalten, sich ihre Lebensbedingungen verbessern, ob es ihnen besser geht unter einer bestimmten Partei, ob die Welt besser steht. Sie wollen über den anderen stehen, sich überlegen fühlen, sie wollen, dass es den Menschen, die sie hassen, schlechter geht. Sie wollen grausam sein dürfen, verletzende Dinge sagen dürfen, anderen Angst einjagen, und im Fall von Minneapolis, die, die ihnen nicht passen, töten dürfen.

Ein Teil dieses Hasses kommt wahrscheinlich aus Ohnmacht, aus dem Gefühl, austauschbar zu sein, abgehängt, nicht gesehen. Das macht Gewalt nicht erklärbar im Sinne von entschuldbar, aber vielleicht kann es für die Zukunft ein Ansatz sein. Wer ohnehin das Gefühl hat, unten zu sein, greift nach dem nächstbesten Hebel, der verspricht, weiter oben zu stehen in der Hackordnung. Rechte Politik bietet solche Hebel an: sie verteilt Scheinwürde, indem sie andere erniedrigt. Sie verkauft Zugehörigkeit wie ein billiges Abzeichen. Zu beachten ist: Dieser Mechanismus macht die Täter nicht unschuldig. Er macht sie nur erreichbar – manchmal. Und sehr oft nicht. Man muss die Wahrheit aushalten, dass nicht jeder Mensch zurückgeholt werden kann, nicht durch Argumente, nicht durch Verstehen. Denn manche genießen Grausamkeit.

Damit stellen sich zwei Fragen:

1) Wie bleiben wir seelisch gesund in einer Zeit, in der wir diese Bilder sehen und zugleich die offizielle Lüge der amerikanischen Regierung hören müssen und sehen wie diese Menschen, und all die Menschen bei uns, die Grausamkeit und den Hass feiern?

Der erste Schritt ist mehr als unheroisch: Schutz.  Es gibt Forschung dazu, dass die wiederholte Exposition gegenüber grafischen Bildern eigenständig mit Stresssymptomen und schlechterem Funktionieren zusammenhängt und dass sich das in Zyklen verstärken kann (mehr Stress → mehr Medienkonsum → mehr Stress). Das ist ein psychologischer Mechanismus. Unser Gehirn ist nicht dafür gebaut, jeden Tag das gesamte Leid der Welt zu verdauen.

Schutz kann heißen:

  • Bilddiät: weniger Videos, mehr Textberichte, feste Zeiten für Nachrichten

  • Körper zurückholen: duschen, gehen, atmen, Hände an eine Tasse warmer Schokolade

  • Trauma ernst nehmen: Wenn Schlaf ausbleibt, wenn Flashbacks kommen: das ist ein Zeichen, Hilfe zu holen (es gibt sekundäre Traumatisierung durch Medien

Der zweite Schritt ist: Gemeinschaft. Rechte Politik lebt davon, dass Menschen vereinzelt sind, erschöpft. Das Gegenmittel ist Nähe: kleine, verlässliche Kreise, in denen man sagen kann: Ich halte das gerade nicht aus. Ohne dass jemand sofort Lösungen anbietet. Nur Anwesenheit.

Der dritte Schritt ist: Handeln in dosierbaren Einheiten. Das kleine, wiederholte Tun: schreiben, sprechen, organisieren, unterstützen, spenden, Räume schaffen, in denen Minderheiten nicht allein sind. Hoffnung entsteht nicht aus Optimismus. Hoffnung entsteht aus Praxis.

2) Wie kann man mit diesen Menschen zusammenleben? Kann man einige noch erreichen?

Man erreicht wohl nur die, die noch nicht vollständig in ihrem Hass aufgegangen sind. Man erreicht sie im Privaten. Der Weg ist selten argumentativ. Eher so:

  • Werte statt Fakten: Viele wissen, dass sie lügen oder sich belügen lassen. Entscheidend ist, ihnen zu zeigen, dass es Selbstbilder gibt, die nicht auf Verachtung basieren.

  • Statusarbeit: Klassismus ernst nehmen heißt auch, Menschen Würde zuzugestehen, ohne ihnen recht zu geben. Ihnen anzubieten: „Du bist mehr als diese Wut“.

  • Grenzen klar halten: Es gibt Gespräche, die man führt und es gibt Gespräche, die man beendet. Selbstschutz und klare Grenzen sind ein wichtiger Teil des Umgangs.

  • Raus aus der digitalen Arena, wenn es schwer fällt, die eigene Sprache nicht korrumpieren zu lassen: Reale Veränderung passiert vor allem in realen Beziehungen.

Diese Zeit, in der wir leben, will unsere inneren Grenzen schleifen. Sie will, dass wir entweder abstumpfen oder ebenfalls vor Hass brennen. Beides macht uns kontrollierbar. Dagegen steht eine dritte Möglichkeit: Wachsamkeit, gesunder Zorn und immer wieder Mitgefühl. Zorn, der aufbaut. Zorn, der sich organisiert. Zorn, der Pausen kennt. Schreiben, sprechen, sichtbar bleiben, Verantwortung übernehmen. Und wenn wir manchmal nicht schlafen können, heißt das nicht, dass wir unterliegen. Es heißt, dass wir noch fühlen. Es heißt, dass unser Inneres noch nicht versteinert ist.


Das ist der Anfang von allem, was möglich ist.

 

 
 
 

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7 Kommentare


Jo Ann Martin
11. Jan.

Auch hier hast du meine Gedanken wunderbar ausgedrückt. Auch die, wie man sich selbst schützt. Sehr wichtig. Das Argumentieren im privaten Umfeld ist sicher häufig schwierig. Nicht, weil wir es nicht können, sondern weil viele von uns in ihrem Bubble leben, der nicht rechts ist. So geht es mir jedenfalls. Aber wir können schreiben und gerade der Austausch mit anderen Autor:innen und zuhause hilft mir, das alles gerade auszuhalten. Auch zu akzeptieren, das viele das, was gerade passiert nicht aushalten können und sich lieber in den Bereich Cosy oder Romance flüchten. Das ist nicht nur legitim, das ist ein wunderbarer Schutzmechanismus.

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Vivienne
10. Jan.

„Sportler machen ein Workout -

Schriftsteller ein Wordout“ - (nicht von mir) - ich bin angesichts der aktuellen Greuel out of words.

Mord auf offener Straße ist für Leute, die keine Krimis ertragen, wie mich, unmöglich als Zeugenaufzeichnung anzusehen. Die Barbarei geht über alle Grenzen.

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Susanne Beck
Susanne Beck
11. Jan.
Antwort an

Ja, und die Reaktionen so vieler Menschen dort und hier zeigt, wie viel (Frauen-)Hass in so vielen Herzen herrscht und das macht es zusätzlich unerträglich. Umso wichtiger ist es, dass wir zusammenhalten.

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carlo.feber
10. Jan.

Was kann man dem noch hinzufügen? Vielleicht: Lasst uns den Blick weiten: Es ist keineswegs so, dass die Seite schon gewonnen hätte, die zurück zum altbackenen Patriarchat, neudeutsch Manosphere etc will, die mit permanentem Coups und Disruption aller Regeln à la Vance-Trump-Orban etc. die eigene Korruption und Unfähigkeit zum Gestalten überspielt. Viele Menschen, zum Beispiel in der Slowakei, in Rumänien, in Ungarn bleiben - ja, es passt nur dieses altmodische Wort - standhaft. Bei sich. Nennen Lüge Lüge und nicht Fake-news, oder sonst etwas aus dem Begriffs-new-speak der Tec Feudalisten.

Vergessen wir nicht, wir nicht gar nicht so wenige, die das alles nicht wollen. Umfragen hin oder her. Wie lange sind die Blauen mit dem Roten Pfeil noch einig, wenn…

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Susanne Beck
Susanne Beck
10. Jan.
Antwort an

Das klingt sehr gut und bedacht. Genau dafür schreibe ich das auch, für die Resonanz. Damit ich merke, dass ich nicht alleine bin und wer auch immer das liest, vielleicht auch. Ja, wir sind nicht alleine und was heute in die eine Richtung dreht, kann sich morgen schon woandershin bewegen! Hoffentlich!

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hpr@textkraft.de
10. Jan.

Eine kleine Ergänzung: In dem Interview mit der TAZ hat Juli Zeh aus Ihrem Dorf berichtet. Mit 54 % AFD Wählerstimmen. Und das Wichtigste war: Sie hassen alles Intellektuelle, fest überzeugt, dass die sie verachten. Das habe ich auch in vielen früheren Diskussionen erlebt, dass linke Intellektuelle voller Verachtung über die Ungebildeten herziehen, die die neuen Diskussionen nicht kennen, die neuen politisch korrekten Worte nicht benutzen. Grüne Wähler verdienen im Schnitt doppelt so viel wie AFD Wähler. Und selbst ein Wort wie "Klassismus" dürfte den meisten nur sehr nebulös bekannt sein. Etwas, mit dem sich Intellektuelle abgrenzen. Hans Peter

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Susanne Beck
Susanne Beck
10. Jan.
Antwort an

Ja, das Interview von Juli Zeh habe ich auch gelesen, fand es allerdings nicht sehr überzeugend, muss ich sagen. Aber das ist ein anderes Thema.


Das andere ist vermutlich richtig, aber der Punkt ist: Sie sind "überzeugt", dass die sie verachten - das heißt keineswegs, dass das stimmt. Ich denke, man muss genau hinschauen, woher diese Vermutungen kommen und was das konkret bedeutet. Und ja, natürlich gibt es Menschen, die über Ungebildete herziehen, ich erlebe bei den "Grünen" aber auch viel Empathie, auch für Ungebildete, und ebenso bei anderen links Ausgerichteten, also ist es nicht so einfach. Es ist doch auch anzuerkennen, dass es zwar Menschen gibt, die mehr verdienen, aber eben dennoch nicht Parteien wählen, die nur ihnen selbst…


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