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Dünnes Fell auf der Suche nach Allwettermantel

Mein Fell ist dünn geworden. Ein paar Kommentare reichen, und mein Magen verkrampft. Ich lese sie manchmal mitten in der Nacht, wenn ich schlafen sollte. Zeichen auf einem Bildschirm, die vieles infrage stellen: meinen Wert, meine Expertise, meine Worte, mein Recht, überhaupt zu sprechen.

Die Absenderinnen und Absender kenne ich natürlich nicht. Ich stelle sie mir vor: ein Mann in einem Reihenhaus, eine Frau mit Kinderwagen, jemand, der von der Schicht nach Hause kommt, den Laptop aufklappt, und dann diese Sätze tippt. Hass als Entlastung, Hass als Ritual. Ich weiß, es ist Projektion, wie sie ihre Wut in meine Richtung schicken.

In meinem Leben geschieht das nur mal ein paar Tage lang, nach einem ein Interview, einer Stellungnahme. Für Menschen in der Politik oder im Journalismus ist das inzwischen Dauerzustand. Ein Grundrauschen, das nicht mehr weggeht. Politikerinnen erhalten Morddrohungen. Bürgermeister treten zurück. Viele verstummen, weil es zu viel wird.

Ich frage mich natürlich nach diesen Emails, ob ich etwas falsch gemacht habe. Ob ich deutlicher, vorsichtiger, empathischer hätte sprechen sollen. Ob ich hätte schweigen sollen. Hass ist so geschickt darin, Zweifel zu säen.

Das soll kein Selbstmitleid sein (nun, ganz lässt sich das vielleicht nicht zur Seite schieben), sondern Erschöpfung. Die Feststellung, dass Worte Gewalt sein können. Dass sie Angst machen. Dass sie verletzen, auch wenn man weiß, dass es nicht um einen selbst geht.


Wie geht man damit um? Ich weiß, dass es wichtig ist, Netzwerke zu haben, Verbündete, die sortieren, filtern. Dass man Grenzen ziehen darf, Screenshots machen, Anzeigen erstatten. Dass man Antworten nicht schuldig bleiben muss, manchmal aber auch die bewusste Nicht-Antwort eine Form von Selbstschutz ist. Aber es bleibt diese Härte, die hinter den Buchstaben deutlich wird.


Vielleicht ist das der Kippunkt, an dem Demokratie entschieden wird: ob wir uns zum Schweigen bringen lassen oder ob wir trotz des Lärms weitersprechen.


Hilfreiche Ressourcen und Links:

·         HateAid – Beratung & Unterstützung bei digitaler Gewalt: https://hateaid.org/

·         Amadeu Antonio Stiftung – „Hass im Netz“: https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/themen/hass-im-netz/

·         Gesicht Zeigen! – Tipps gegen Hate Speech: https://www.gesichtzeigen.de/aktiv-werden/hass-im-netz/

·         Bundeszentrale für politische Bildung – Umgang mit Hassrede: https://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/werkstatt/medienpaedagogik/252688/umgang-mit-hassrede/

·         Jugendschutz.net – Meldestelle für Hass im Netz: https://www.jugendschutz.net/hass-im-netz/

 

 
 
 

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Anni K.
Anni K.
26. Nov. 2025

Gegenlicht


In der digitalen Dunkelheit

wird auch die stumpfe Zunge scharf.

Tief schneidet die Klinge des Hasses,

giftig ihre Splitter des Zweifels.


Einen Schutzschild zu beschwören,

vermag nur der fragende Wissende.

Denn wer seine Wurzeln kennt,

erwächst ins Gegenlicht.


Nicht trotzig, sondern klar.

Nicht unberührt, doch unerschüttert.

Hoffnung ist kein Zufall,

sie ist eine Entscheidung.

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